Aus wilder Wurzel
Die Wüstung1 Heßlingen – das Sanierungsgebiet von Wolfsburg

Dort, wo das Dorf Heßlingen lag, hatte der Bischof Thiedmar von Merseburg2 einen Hof. Das war um 1300. Ende jenes Jahrhunderts wurde die Kirche St.-Annen aus Stein erbaut. Sei steht heute noch.
Landschaftlich geprägt war das Gebiet durch die Großniederungen des Flusses Aller und den Verlauf des Hasselbaches und des Sandfeldgrabens.
Die Bäche fließen immer noch; beide wurden in den 60er Jahren in Röhren unter die Erde verlegt, um Verkehrsplanungen Platz zu machen.
1372 fiel Heßlingen durch Lehen an das Erzbistum Magdeburg. Angaben zur Größe der Heßlinger Kulturfläche können gemacht werden.
Die Größe der Gemarkung betrug insgesamt 1723 Morgen3. Es gab vier Ackerhöfe4 acht Halbackerhöfe5 und zwei Kothöfe6. Jahrhunderte lang veränderte sich wenig. 1854 waren es immer noch vier Ackerhöfe, acht Halbackerhöfe, acht Kötner und fünf so genannte Vorbürger. Seit 1854 gab es Erweiterungen durch Hofteilungen. Bis 1933 waren so 95 Hofstellen entstanden.
Heßlingen zwischen zwei Bächen lag etwas höher auf einem Schuttkegel und war daher durch die ständig auftretenden Überschwemmungen weniger gefährdet.
Die Kirche steht auf einer dem Hasselbach nahe liegenden Bodenkuppe. Die Hausgärten der einzelnen Bauerngehöfte erstrecken sich bis zum Bach. Dicht lagen die Höfe der Kötner und auch die der Vorbürger.

Als Standort für das Autowerk und die neue Stadt gab es mehrere Vorschläge; schließlich wurde der Bereich um Wolfsburg bestimmt.
„… Wolfsburg ist in Deutschland neben Salzgitter-Lebenstedt die einzige Stadt, die im 20. Jahrhundert planmäßig gegründet und ausgebaut worden ist. Sie entstand ›aus wilder Wurzel‹, wie man im Mittelalter sagte, da das auf ihrem heutigen Gelände vorhandene ehemalige Dorf weder baulich, noch organisatorisch, noch dem Anlass nach  als ihr Kern zu betrachten ist“ schreibt der Architekt und Stadtplaner Peter Koller in einem Aufsatz 1958.

Unmittelbar an das Dorf Heßlingen anschließend entstand zwischen 1813 und 1835 durch den Grafen von der Schulenburg, dem das Schloß Wolfsburg gehörte, die so genannte Kolonie, bestehend aus Einzelhäusern entlang des Sandfeldgrabens.
Die Parzellierung  erfolgte regelmäßig.
Ein Grundstück wurde nicht bebaut, sondern als Bleiche von den Anwohnern genutzt. Hier wurde ein Brunnen gebaut.
Erst 1961 entstand auf dieser Parzelle Nr. 11 ein größeres Wohnhaus, wiederum durch einen Grafen von der Schulenburg. Diese Neubauern hatten kein Land, sondern nur den auf den Grundstücken gelegenen Garten. Lage der Häuser, auch Grund- und Aufriß wurden vom damaligen Grafen bestimmt.
Neben sieben Neubauern wohnten ein Tischler, ein Maurer und ein Gastfeld in Rothenfelde. Der Bereich zwischen dieser Kolonie, heute würde man Wohnzeile sagen, und dem Dorf, wurde ab 1940 als Wochenmarkt genutzt. Die für diesen Markt entsprechende Marktordnung war bereits 1939 vom Bürgermeister erlassen worden, nun spricht man vom Sanierungsgebiet „Rothenfelder Markt“.

Im Juni 1940 wurde eine Karte „Stadt des KdF-Wagens und Umgebung“ erarbeitet: ››Stadtbau unter Leitung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Prof. Albert Speer, Generalentwurf Dipl.-Ing. Peter Koller‹‹.
Koller diente eine topographische Karte als Grundlage. Die neuen, geplanten Straßenführungen und Bebauungen wurden darauf eingetragen.
Das Dorf Heßlingen sollte nach diesem Plan abgerissen werden, die Kolonien einer großen Straßenkreuzung Platz machen. Die Twetge9 wurde in ein im Osten geplantes Industriegebiet geführt.
Nicht viel anders die Vorstellungen der Stadtplaner 1946: Beibehalten wurde die Idee, ein Industriegebiet östlich von Heßlingen vorzusehen. Auch die gesamten Gleisanschlüsse blieben dort.
1948 plante Reichow ähnliches: Seine Erschließung des Industriegebietes, das wieder östlich von Heßlingen liegt, hat zur Folge, daß er die gesamten Industriebereiche über dieses kleine Dorf erreichen möchte, d. h. über die Heßlinger Straße. Diese hat bereits Reichows gewünschte sogenannte organische Straßenführung10.

In einer von Reichow und seinem Mitarbeiter Eggeling erarbeiteten Skizze11
vom 15. 10. 1948 wird der Bestand an Bauernhäusern wieder durchgezeichnet, es gibt aber keine Umgehungsstraße mehr, so daß der gesamte Transport durch das Dorf verlaufen würde.
Es passierte aber nichts und so wurde weiter geplant. 1952 erarbeitete das Stadtplanungsamt einen so genannten Wirtschaftsplan12. Es findet eine entscheidende Wende in der Planung statt: Das noch immer bestehende Dorf wird geteilt. Willkürlich sollte ein Teil des Dorfes erhalten bleiben, der sich als Restfläche zwischen den groß angelegten Straßen ergab.
Der nördliche Teil wurde zum Industriegebiet erklärt, vermutlich aus pragmatischen Überlegungen wegen der Nähe des Mittellandkanals und der parallel dazu verlaufenden Gleisanlagen.
Industriegebiet wurde auch der Bereich „Im Winkel“. Dort standen Wohnhäuser im den dazugehörigen Scheunen und Gärten. Dem Schloß Wolfsburg ist es zu verdanken, daß wenigstens  Reste der alten Siedlung noch heute vorhanden sind, den Studien zur Verkehrsführung  zu VW-Werk besagt, daß das Schloß in der Straßenachse liegen sollte, haarscharf an der St.-Annen-Kirche vorbei. In dieser Studie wird die totale Zerstörung planerisch vorbereitet.

Mitte der 70er Jahre verhandelte die Stadt um den Bau eines Sportzentrums, u. a. vier Tennisplätze, davon zwei mit Flutlicht, ein Trainingstennisplatz mit Übungsmauer, zwei Tischtennisanlagen, eine Kunsteisbahn 42 x 25 m, eine Sauna und so weiter. Alles auf einem Grundstück mitten in Heßlingen, Twetge15 und angrenzende Bereiche … 13

In einem Vermerk des Stadtplanungsamtes14 wird bescheinigt, daß „gegen die geplanten zwei Tennisplätze keine Bedenken bestehen. Sie entsprechen der Planungskonzeption.“ Worin diese eigentlich bestand, war nicht herauszubekommen. Weiter heißt es : „Der Bau einer Sauna, eines Hallenbades und Aufenthalts- und Umkleideräume fügt sich in das Gesamtkonzept en Es bestehen gegen das Gebäude keine Bedenken … gegen die Anlage der Kunsteisbahn bestehen keine Bedenken… Auch hier ist die Grundstücksfrage noch zu regeln…“

 

Das Problem regelte sich von selbst, da der Bauherr Pleite ging. Die inzwischen auf Abriß stehenden baufälligen niedersächsischen Bauernhäuser blieben. Abrißanträge stellte nur die Stadt selbst: 1975 wurde in einem Antrag formuliert Abgang: „Wohnhaus mit Stallgebäude – Ende der technischen und wirtschaftliche Lebensdauer der Gebäude.“ Es waren wertvolle Bauernhäuser.

1978 entdeckten die Stadtväter ihr Herz für Tradition. Unter diesem Motto wird die neue Planung in der Lokalpresse erläutert: „Wolfsburgs Rat und Verwaltung schwärmen mehr den je für die städtebauliche Nostalgie. Sie erwärmen sich für alte städtebauliche Substanzen, die noch nicht den Planierraupen zum Opfer gefallen sind.  Ironie des Schicksals: Die Verwaltung und Ratsmitglieder waren es, die die alte dörfliche Substanz in den 60er Jahren sang- und klanglos verschwinden ließen. Jetzt gilt es, den Restbestand zu sichern.“15

Die Sicherung endete damit, daß die letzten Abrißanträge für Wohngebäude in der Bäckergasse16 1995 gestellt und genehmigt wurden, damit ganz schnell das gewünschte neue Amtsgericht entstehen konnte.
Der Präsident eines Oberlandesgerichtes träumte von einem neu zu schaffenden „Platz des Grundgesetzes“.
Es fand ein Wettbewerb statt. In der Begründung des Preisgerichts zum ersten Preis wird dem Verfasser bescheinigt, daß er „eingängige Interpretationen für das gesamte städtebauliche Quartier gefunden hat.“17
Dabei soll nach dem Willen der Stadt einmal alles ganz anders kommen. In Heßlingen war ein Jugendzentrum geplant einschließlich Umbau der noch vorhandenen Gebäude.
Viel wäre von der Bausubstanz nicht übrig geblieben, da noch einer Untersuchung durch das Hochbauamt nichts den Bauvorschriften entsprach. Man schlug vor, Holzbalkendecken durch Massivdecken zu ersetzen, innen liegende alte Holztreppen durch Betontreppen. Sogenannte Ergänzungsbauten wurden auch vorgesehen. Man plante einfach ein neues, der niedersächsischen Bauordnung entsprechendes Dorf. Der Höhepunkt dieser „Traditionsinsel“ war eine „Wasserlandschaft“. Der verrohrte Sandgraben sollte nicht einfach frei gelegt werden, sondern eine „Landschaft, künstlich mit Leitungswasser versorgt“ war die Idee.18

Im Norden des Bereiches an der Heßlinger Straße „könne man sich kleine Häuser vorstellen“.19 Dieser Vorschlag war der Beginn einer jahrelangen zähen Auseinandersetzung um diesen städtebaulichen Bereich. Es sollte kein „Generationenghetto“ werden, es sei eine „dörfliche Struktur“  zu schaffen. Von tatsächlichen Nutzungen wurde nicht ausgegangen.
Die japanische Wasserlandschaft zwischen den niedersächsischen Fachwerkhäusern erinnert an die Nähe zu Braunschweig und an die Straße in Wolfsburg, die Porschestraße. Die Traditionsinselchen mußten arg gestylt werden, damit es dem Bild entsprach, das man sich von einem hübschen Dorf in einer neuen Stadt machte. Hitzige Diskussionen zwischen Pfarrern, die nicht sehnlicher als Ruhe wünschten und sich schon von Mofa fahrenden Jungendlichen drangsaliert sahen und Jungendgruppen, die hier ihr Zentrum wollten, wurden in der Lokalpresse ausgetragen.
„Eine Kampfabstimmung im Rat ist nicht mehr zu verhindern“, das „alte Lied vom Rothenfelder Markt wird weiter gesungen“ stand am 24. 10. 1980 zu lesen. Aber der Gesang wurde jäh unterbrochen – es wurde im Rat abgestimmt. „SPD und FDP erklärten sich mit 23 Stimmen für den Bebauungsplan, die CDU war mit 23 Stimmen dagegen, darunter die Stimme des fraktionslosen B., früher SPD“.21
Die baufälligen Häuser, die der Stadt gehören, überstanden diesen jahrelangen Streit nur schlecht, sie wurden nicht instand gesetzt. Man wartete auf die Entscheidung, um dann richtig loslegen zu können. Sie verfielen.

Nun lohnte sich die Sanierung. Am 14. 3. 1985 wurde die „Sanierungsmaßnahme Rothenfelder Markt“ öffentlich kundgetan.
In der schriftlichen Begründung heißt es:
„…Eine stammesmäßig so unterschiedliche Bevölkerungsstruktur bedarf ganz besonders historischer Identifikationspunkte, um feste Bindungen zu ihrer Stadt und deren Vergangenheit zu bilden. … Bedauerlicherweise ist die alte bäuerliche Bausubstanz bei der Stadt- und Verkehrsplanung der letzten Jahrzehnte unberücksichtigt geblieben und zu einem großen Teil abgebrochen worden. Um so wichtiger ist es, die noch vorhandenen Reste zu erhalten und sie in einen Zustand zu versetzen, der eine zeitgemäße Nutzung gewährleistet.“22

Nun rätselt man noch, wie man diese alten Häuser umgeben von Springbrunnen, ››Platz des Grundgesetzes‹‹, Stadtvillen, Friedhöfen, Holzbrückchen, Parkplätzen, Kirche und Autohaus zeitgemäß nutzen könne.  



Das Dorf Heßlingen – isometrische Darstellung der Gesamtsituation mit Gebäuden, Gärten, Bachverlauf und Wege um 1938.
Federzeichnung von Wolfgang Wittig
Diese Zeichnung war Grundlage für die Herstellung eines Plakates, das der Verein für Heimatpflege e. V. Wolfsburg 1988 herausgab. Darunter sind drei Zeichnungen die das Dorf Heßlingen mit dem Bestand an Gebäuden um 1938, 1968 und 1988 abbilden.

Vergrößerung dieser Zeichnung als pdf-Datei


Anmerkungen

1  Ganz oder teilweise aufgegebene Dörfer und Flure: zwei große Wüstungsperioden sind zu
   unterscheiden: - im 12./13. Jahrhundert sind Wüstungen auf die Konzentration von
   Siedlungen zu größeren Dörfern zurückzuführen – im 14./15. Jahrhundert entstand die
   Masse der Wüstungen durch Bevölkerungsrückgang (Pestseuchen u. a.) und den Abzug
   vieler Bauern in die Städte.
2  Thietmar (975 – 1018), Autor einer wichtigen Chronik in acht Bänden über Merseburg,
   Reichsgeschichte und Slawenkrieg von 908 – 1018, Heinrich I. erhob Merseburg zur Pfalz
   und ließ diesen von einer Mauer umgeben. Damit ist Merseburg Stadt. 968 begründete
   Otto I. das Bistum Merseburg.
3  Um 1500 gab es ungefähr 1210 Morgen Ackerland, 405 Morgen Weisen und 108 Morgen
   Hutungen.
4  Ackerhof: alle Bauern waren ursprünglich Vollhufner oder Vollhufer, nach ihrem Besitz von
   einer Vollhufe Ackerland, sie hatten ein volles Gespann, vier Pferde, und leisteten nur
   Spanndienste.
5  als Landbesitz eine Halbhufe, halbes Gespann, zwei Pferde, leisteten nur Spanndienste.
6  Kötner, auch Kothsassen, haben keinen Landbesitz, ihre Wohnstätte ist die Kate = Kothe.
7  Koller, Peter , Sonderdruck aus der Zeitschrift ››Der Städtetag‹‹, Heft 6/1958
8  im Stadtarchiv von Wolfsburg
9  Dorfstraße in Heßlingen
10 Im Stadtarchiv von Wolfsburg
11 Im Stadtarchiv von Wolfsburg
12 Im Stadtarchiv von Wolfsburg
13 Bauakte im Bauaufsichtsamt Wolfsburg
14 S. a. O .
15 ››Wolfsburger Nachrichten‹‹ vom 5. 3. 1978
16 Südlichste Dorfstraße von Heßlingen vgl. Bauakte Bauaufsichtsamt
17 vgl. Niederschrift über die Sitzung des Preisgerichtes am 15. 9. 1983 in Wolfsburg
18 ››Wolfsburger Nachrichten‹‹ vom 5. 3. 1978
19 A. a. O. vom 5. 3. 1978
20 ››Wolfsburger Allgemeine‹‹ vom 13. 4. 1978
21 A. a. O. vom 24. 10. 1985 ››Wolfsburger Kurier‹‹ vom 19. 11. 1980
22 Begründung für eine Sanierungsmaßnahme, I. Einführung, Februar 1986, Stadt Wolfsburg,  
    Neuland GmbH als Sanierungsträger
 
Publikation

deutsche bauzeitung
5 / 1988



Das Dorf Heßlingen um das Jahr 1938 – isometrische Darstellung der Gesamtsituation mit Gebäuden, Gärten, Bachverlauf und Wege. Recherche und Zusammenstellung der historischen Karten, Pläne und Fotografien Cornelia Thömmes, Federzeichnung von Wolfgang Wittig




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