Sitzen verboten!

Auch nach dem städtebaulichen Wettbewerb:
keine Lösung für den Bahnhof in Sicht


Wenn man das erste Mal mit dem Zug in Braunschweig ankommt und aus der Bahnhofshalle tritt, dann fragt man sich: „Wo ist hier eigentlich die Stadt?“.
Im Jahre 1953 war alles noch anders: Es gab einen sehr schönen Kopfbahnhof, der direkt in der Innenstadt lag. In jenem Jahr war entschieden worden, dass ein neuer Durchgangsbahnhof gebaut werden sollte – genau an der Stelle, wo er heute steht.

Kämen „die Prinzen“ heut hier in Braunschweig an, dann würden sie wahrscheinlich sofort ihr Lied „Küssen verboten“ in „Sitzen verboten“ umschreiben.
War es nicht das Normalste der Welt, dass man sich in einer großen Bahnhofshalle aufhalten durfte? Und zwar nicht nur im Stehen und Gehen? Die sieht die Bundesbahn heute ganz anders. Wahrscheinlich ist es der Auftakt zu ihrem Konzept 2000 („Erlebniswelt 2000“ nach den Worten der Bundesbahndirektion).

Der kalte hohe Keks von Bahnhofshalle ist schon ein Denkmal nach dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz und kann nicht einfach umgebaut werden. Weil Bahnen, Busse und Taxen, Fußgänger und auch alte Leute und sogar Behinderte den Bahnhof benutzen möchten (und zwar möglichst bequem), versucht die Stadt seit vielen Jahren, einen Wettbewerb auszuloben, um diese unerträglichen Zustände zu verbessern. Zuerst war kein Geld da, dann gab es sehr unterschiedliche Meinungen, wie so ein Bahnhof umzugestalten ist, aber dann war es soweit:
1992 wurde ein städtebaulicher Ideenwettbewerb unter dem Titel „Hauptbahnhof Braunschweig“ vorbereitet. Nun sollte es aber nicht mehr um den Bahnhof selbst gehen, nicht mehr nur um bessere Zugänge zu den Gleisen oder die Umsteigemöglichkeiten von Bus zur Straßenbahn, sondern der gesamte städtebauliche Bereich dieses Platzes sollte erfasst werden, denn mit der vorhandenen Aufweiterung des Wilhelminischen Ringes durch den Berliner Platz war man nicht mehr unbedingt einverstanden.
Der damals großstädtische Platz und die Bauten aus dieser Zeit, die entlang der Theodor-Heuss-Straße stehen – Städtebau der 60er Jahre – konnte auch „überbaut“ werden, wie es in der Fachsprache so bildhaft heißt.
Der Wettbewerb sollte „beschränkt“ ablaufen. Architekten, die sich um das Vorhaben bewerben wollten, sollten sich bereits mit Bahnhöfen beschäftigt haben, weil man immer noch davon ausgeht, dass der, der immerfort schon Bahnhöfe geplant hat, auch weiß, wie man einen Bahnhof umzugestalten hat.

Von den 40 Büros, die sich bewarben, wurden 12 ausgewählt. Neben der „Lieblingsliste“ des Stadtbaurats wurden schließlich noch andere Büros „ausgewählt“ – alles Architekten, die schon einmal irgendwo auf der Welt Bahnhöfe geplant hatten. Vom Rat der Stadt gab es 100.000 DM Bearbeitungshonorare und städtebauliche Vorgaben. Auffallend: Das Fachpreisgericht war – wie könnte es auch anders sein! – wie immer nur mit Männern besetzt. Dafür war die Informationsschrift recht frauenfreundlich formuliert; das reicht dann auch erst einmal!
Als Sachverständige wurden Herr Ludwig aus Karlsruhe (Öffentlicher Nahverkehr), Herr Dr. Recknagel(Stadtbaurat a. D., Düsseldorf) und Herr Dr. Roseneck (Bezirkskonservator, Braunschweig, Denkmalschutz) benannt. Sachverständige sind – wir ahnen es schon – Männer, die sich von Berufs wegen mit Spezialproblemen befassen.
Über ein Jahr hat es von der Ausschreibung des beschränkten Wettbewerbes bis zur Sitzung des Preisgerichts gedauert. Anschließend wurden die Arbeiten im gruseligen Fahrradkeller des Hauptbahnhofes ausgestellt, beaufsichtigt von zwei freundlichen jungen Männern. Zum Fahrrad abstellen würde einen der Weg nicht in dieses Loch führen, deshalb stehen auch alle Fahrräder vor der großen Eingangshalle – egal ob es regnet oder schneit. Übrigens hat man auch im Bereich der Eingangshalle sorgfältig darauf geachtet, dass es weder Sitzmöglichkeiten noch Fahrradständer gibt, damit sich die Besucher des Bahnhofes auch nicht häuslich einrichten.
Die Ausstellung, vom 21. 6. bis zum 5. 7. zu sehen, wurde täglich von 50 bis 70 Interessierten besucht. Unter den Besuchern befanden sich wesentlich mehr Männer als Frauen – Eisenbahn ist eben Männersache!

Folgt man den formulierten Aufgaben aus der Informationsschrift zum beschränkten städtebaulichen Wettbewerb, kann man nur staunen. Alles soll in diesem neuen Bereich möglich und attraktiv sein: die Fahrradplätze, die PKW-Einstellplätze für Kurz- und Langzeitparker, das Informationszentrum, die Straßenbahnhaltestelle, die Sichtachsen, die „Bahnhofsfunktion“ (was ist das?). All das sollte ganz dicht und ganz nah und wunderbar sicher angeordnet werden. Und der Bahnhof selbst? Er sollte natürlich ein „attraktives Erscheinungsbild“ bekommen, eine Kundenfreundliche Eingangshalle, nutzerfreundlichen Zugang zu den Bahnsteigen. Darüber hinaus waren gefordert: Verbesserung der Gestaltung und der Funktionstüchtigkeit der Bahnsteige, funktionsfähige Anordnung der Nutzung u. a. m.  Ein Modell im Maßstab 1:1000 war zu erstellen, streichholzschachtelgroß darin der Bahnhof.

Einen ersten Preis im Wettbewerb gab es nicht, dafür zwei 2. Preise. Beim ersten Gewinner heißt es u. a. unter der Rubrik „Stellplätze, Neubebauung-Nord“ – das ist der einzige Hauptzugangsbereich – „in Tiefgarage anzunehmen“. Auch im Süden sollte der Zugang verbessert und Parkplätze vorgesehen werden, auch hier hieß es im Entwurf „in TG anzunehmen“ Auch der zweite Preisträger (ein Braunschweiger Architektenbüro) bietet Überraschendes: in der Vorprüfung wird unter dem Punkt „Funktionserfüllung, Knotenausbildung“ festgestellt, dass dieser nicht nachgewiesen ist. Beim Öffentlichen Personennahverkehr sind „bestimmte Leistungen“ nicht erbracht. Bei den beiden Preisträgern fällt besonders auf, dass wie – wahrscheinlich von einem Schachspiel aus der Bauhauszeit entsprungene – Türmchen, so genannte Zwillingstürme, geplant waren. Denn ohne Hochhäuser kann man einfach keine Dominanten bauen, und Dominanten sollten schon sein. Das Preisgericht hat Protokoll geführt und sagt dazu: „Die runden Zwillingstürme sind eine formal logisch Ergänzung des dreieckigen Poststurmes“. Worin die Logik besteht, wurde nicht näher erläutert.
Beachtenswert auch die alternative Lösung von Herr Prof. Oestreich auch Berlin. Er hat eine städtebaulich „simple“, aber sehr verständliche Lösung aufgezeichnet, über die es in der Einschätzung der Jury heißt: „Konkrete Angaben zur detaillierten Führung des Fußgänger- und Fahrradverkehrs fehlen leider weitgehend.“
Dafür hatte Herr Prof. Oestreich an die Autos gedacht, denn im Süden ist ein riesengroßer ebenerdiger Parkplatz vorgesehen, denn er in seiner Isometrie mit sehr vielen Bäumen (dicht belaubt) gezeichnet hat, so dass er wirkt wie ein kühler Hain. Aber was ist nur in den Monaten von Oktober bis Mai?

Es wird wohl in nächster Zeit bei der sattsam bekannten Bahnhofsmisere beleiben. Der finanzielle und personelle Kraftaufwand zur Umgestaltung kann nicht so einfach fortgesetzt werden.
Also werden die Schalter immer noch um 19:50 Uhr schließen. Danach ist eben „zappenduster“. Will man auf die Toiletten, muss man schon das entsprechende Geld bereithalten. Sitzgelegenheiten gibt’s weiterhin keine und zum Bahnsteig geht es nur durch den kalten Tunnel.
Der Intercity-Zug ist zu lang oder die Bahnsteige sind zu kurz, die natürlich ganz hinten liegenden Bahnsteige mussten bereits für die völlig neuen technischen Parameter nachgebessert werden. Die Bundesbahn verspürt in ihrer Erlebniswelt 200 wahrscheinlich wenig Lust, sich nun auch noch auf Trivialitäten wie Taubendreck auf den Einbauten in der Halle, bequeme Bänke, Waschsalons oder Aufenthaltsräume (an die schönen alten Wartesäle von früher wagt man sich gar nicht mehr zu erinnern oder seien Großeltern zu befragen!) einzurichten.

Aber beim Hin- und Herlaufen kann man sich das Pflaster anschauen, welches damals sehr sorgfältig und in den unterschiedlichsten Varianten und Materialien auf dem Vorplatz bis in den Bahnhof hinein verlegt worden ist.

Also nicht vergessen beim nächsten Bahnhofsbesuch: Klappstuhl mitbringen.

C. Thömmes
 
Publikation

C. Thömmes
Stadtzeitung Braunschweig
Nr. 8, August 1993





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