Die Bauten Alvar Aaltos und Hans Scharouns unter dem Aspekt des städtebaulichen Umfeldes

Die konzeptionelle städtebauliche Planung für Wolfsburg nach dem II. Weltkrieg legte für die öffentlichen Bauten – auch die Kirchen – Standorte fest.
Die berühmte „Stadtkrone“ als gedachtes baulich räumliches Zentrum – hier in Wolfsburg aus der Planung der NS-Zeit – wurde strikt aufgegeben.
Man besann sich auf altvertraute Stadtmuster: Ein Marktplatz und eine Hauptstraße mit einer Reihe öffentlicher Gebäude sollten die Mitte der zukünftigen Stadt ausmachen.
Die Errichtung eines Rathauses (Ende der 50er Jahre) war der Ausgangspunkt für den zukünftigen Marktplatz. Jedoch wollte man „mit der Landschaft durch offene Räume Richtung Schillerteich und durch Blickachsen zu Klieversberg und Schloß verbunden sein“.
Im April 1954 wurde ein Ideenwettbewerb für den Bau eines Rathauses ausgelobt. Vorsitzender des Gutachterausschusses war Professor March (der Architekt des Olympiastadions in Berlin von 1936). Es wurden drei Entwürfe (Dr. Taeschner, Prof. Baumgarten und Prof. Kreuer) für die weitere Bearbeitung empfohlen.

Der längs gerichtete Gebäudekomplex steht nun parallel, jedoch zurückgesetzt, an der Porschestraße und bildet die östliche Marktseite. Der südliche Raum am Klieversberg sollte von Bebauung frei gehalten werden, um bewaldete Hügel im Süden und das Schloß im Norden optisch in den großen städtebaulichen Raum der Porschestraße einzubeziehen. Im Jahr 1957 war die Porschestraße bereits nach allen Regeln des modernen Straßenbaus mit Parkplätzen, Fahrbahnunterteilungen, Einordnungs- und Rückstoßspuren ausgebaut.
Im Jahr 1958 erörterte man, ein Kulturzentrum zu errichten. Dringend wurde auch eine kulturelle Mitte für die Bewohner der Stadt erforderlich. Das dafür zu schaffende Gebäude sollte sowohl eine Platzwand am Markt bilden als auch die Porschestraße weiterführen.
Der Architekt Paul Baumgarten aus Berlin und Alvar Aalto aus Helsinki erarbeiteten mit diesen städtebaulichen Vorgaben Entwürfe und Modelle.
Der konkurrierende Entwurf des finnischen Architekten Alvar Aalto wurde als insgesamt „konzentrierter“ beschrieben, das Gebäude füge sich „in die Umgebung meisterhaft ein“, wobei von der Stadtmitte ein freier Blick zum Klieversberg erhalten bliebe. Der Grundidee der übergreifenden städtebaulichen Disposition wurde große Aufmerksamkeit geschenkt.

Das Kulturzentrum hat keine – sonst übliche – Haupteingangsseite, kein Hinten und kein Vorn, sonder bildet mit seiner berühmten plastischen Fassade die südliche Raumkante des nun Gestalt annehmenden Marktplatzes. Durch den lang gestreckten Teil an der Straße mit Arkaden und Läden im Erdgeschoß wird auch dem Wunsch nach Weiterführung der Porschestraße Rechnung getragen. Für die Südseite entwarf Aalto eine völlig andere Fassade. Ursprünglich – bis in die 70er Jahre – war hier der Haupteingang zum Jugendfreizeitheim, in den Jazzkeller, in die Milchbar und nicht zuletzt in die Erwachsenen- und Kinderbibliothek mit dem kleinen, nach Süden vorgelagerten, sehr originellen Lesegarten.
Aber auch der Zugang zu den drei Wohnungen befand sich auf der Südseite.

Es war und ist ein spektakulärer Baukörper, ein architektonisch großer Wurf, tatsächlich multifunktional, optimal im Grundriß und mit schönen Materialien bis ins Detail exquisit durchgebildet, oft 1:1 nach Bemusterung und Skizzen hergestellt – und von Aalto bis zur Eröffnung persönlich betreut.

Bauherr (die Stadt Wolfsburg) und Architekt (Prof. Alvar Aalto und Kaarlo Leppänen) achteten einander, und auch die weitere städtebauliche Gestaltung des Platzes sollte mit dem Architekten und Städtebauer Aalto besprochen werden.
Neben dem Kulturzentrum beschäftigte sich Aalto auch mit anderen Projekten für die Stadt, z. B. mit der so genannten Piazzetta, aber er baute auch zwei Gemeindezentren in Wolfsburg.
Über das „Piazzetta-Projekt“ wird heute kaum noch berichtet. Die Piazzetta sollte am nördlichen Rand des Marktplatzes entstehen. Eine „intime Geschlossenheit“ in diesem Bereich wurde gewünscht.
Aalto schlug vor, „….auf der Nordseite des Marktplatzes eine phantasievoll durchgeformte Brunnenanlage zu schaffen….“ Aber das Modell zeigte, daß die große Brunnenplastik den Blick zur Christophoruskirche verstellt hätte. Die Planung wurde dann vor allem wegen anderer verkehrsplanerischer Vorstellungen abgebrochen. Bereits Ende der 60er Jahre des 20. Jh. stufte der Rat der Stadt das Kulturzentrum als besonders schutzwürdig ein. Trotzdem gab es im Jahr 1978 ein Planungsbeschluß für die „Ergänzung“ des Kulturzentrums. Bücherei und Volkshochschule wollten mehr Platz. Aalto war  im Jahr 1976 gestorben. Seine Frau Elissa Aalto sprach man nicht an, sondern hielt Ausschau nach anderen Architekten.

Inzwischen war von den Fraktionen des Stadtparlamentes entschieden worden, daß es einen städtebaulichen Wettbewerb für den gesamten Bereich von der Straßenkreuzung am Kaufhaus Haeder bis zum Theater geben müsse:
Die Porschestraße-Süd sei für Fußgänger auszubilden und mit dem Bürgerpark „ein zusammenhängender Erlebnisraum mit unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten“ gewünscht. Nicht mehr das Kulturzentrum hatte als räumliche Plastik mit seiner Einbettung in das bereits vorhandene Gefüge der Stadt Priorität, sondern die lineare Weiterführung des Zentrumsbereiches entlang der Straße.
1978 kam das Planetarium dazu. Es ist ein Geschenk des VW-Werkes an die Stadt Wolfsburg. Es wurde in die Nähe der Stadthalle in den Bürgerpark gesetzt, ohne jedoch die Sichtbeziehungen zum Klieversberg zu beeinträchtigen.
Bis Ende der 80er Jahre war das Aalto-Kulturzentrum der bauliche Abschluß des Citybereiches. Am Ende der Porschestraße wurde danach durch den Neubau des Kunstmuseums (1994 fertiggestellt) im Zusammenhang mit dem Südkopf-Center sowie dem Erweiterungsbau der Stadtverwaltung der Südeingang in das Stadtzentrum vollkommen verändert.
Das von der Stiftung Volkswagenwerk in Auftrag gegebene Museum für moderne Kunst hat einen anderen Maßstab eingeführt: Das städtebaulich geprägte Element ist das auf schmalen hohen Betonstützen lagernde Dach. Durch diese neue Containerarchitektur, hoch hinaus, schnittig und technische elegant, wurde ein zweiter Platz geschaffen, der Hollerplatz. Aaltos Kulturzentrum bildet nun eine Platzwand. Müllcontainer, der neu hinzugekommene Notausgang der Tiefgarage, u. a. m. wurden davor im Zuge der Hollerplatzgestaltung so gruppiert, daß der mit grauem Granit im großen Raster und großer Fuge belegte Platz unverstellbar für das neue Kunstmuseum erlebbar bleibt. Das Alvar-Aalto-Kulturzentrum ist kleiner geworden, der südliche Eingang wird nur noch von den Bibliothekbesuchern genutzt, im Lesegarten liest niemand mehr, das Jugendzentrum ist schon in den 70er Jahren ausgezogen, es wohnt nur noch ein Hausmeister im Haus. Die Milchbar gibt es auch nicht mehr.
Aber es gibt den zweiten großen innerstädtischen Platz. Erneut wird fehlende Urbanität beklagt, wieder soll ein Gebäude diese gewünschte Urbanität schaffen. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kulturzentrum und zum neuen Kunstmuseum befindet sich auch der Anbau des Rathauses. Er wurde gleichzeitig mit dem Kunstmuseum errichtet und hat diesen städtebaulichen Raum in seiner Proportion und ästhetischen Ausstrahlung wesentlich verändert.
Aber die seit 30 Jahren verfolgte Verknüpfung mit dem Klieversberg im Süden ist doch noch zustande gekommen: Um die Stadteinfahrt stadträumlich zu fassen, wurde der Nordhang des Klieversberg für einen Theaterbau als geeignet erachtet.

Auch dem Ausbau des Straßennetzes wurde in der gleichen Zeit von anderen Spezialisten und auch Gutachtern große Aufmerksamkeit geschenkt. Man wollte nicht mehr die vorhandene, etwas versetzte Kreuzung an der Einmündung Siemensstraße/Heinrich-Heine-Straße und Braunschweiger Straße, die die Hauptzufahrt in das Stadtzentrum war. Eine große Kreuzung mit Ampelanlage sollte entstehen, der Verkehr teilweise tiefer gelegt werden, möglichst sogar kreuzungsfrei.

Radfahrer und Fußgänger wurden unter die Erde geschickt, man nannte das im Planerdeutsch „in die zweite Ebene gelegt“. Das zukünftige Theater, Aaltos Kulturzentrum und das Rathaus von Taeschner sollten sogenannte innerstädtische Zone werden. Heute wäre der Begriff Kunstmeile sicherlich treffend: ein öffentlicher Raum mit repräsentativen Nutzungen und großartigen, wohl komponierten Bauten.
Der Anfang war gemacht.
Das Kulturzentrum stand, entsprach dieser Vision in bester Weise. Auch das Rathaus des Architekten Taeschner war einer der ersten modernen Rathausbauten Westdeutschlands nach dem Krieg. Und das sollte sich fortsetzen und seinen krönenden Abschluss an der alten, neuen Stadtkrone finden, ohne auch nur noch im Geringsten axial und bombastisch, die NS-Zeit stadtstrukturell widerzuspiegeln.
Um die Entwurfsleitung des Architekten Hans Scharoun im städtebaulichen Zusammenhang wirklich beurteilen zu können, muß auch zum Theatergebäudekomplex – so muss man dieses Gebilde nennen – einiges gesagt werden.
Die Verringerung des Bauvolumens um nahezu die Hälfte – vom Wettbewerbsentwurf bis zur Ausführungsplanung – zog schwere Eingriffe sowohl inhaltlich als auch formal in der städtebauliche Ausprägung nach sich. Scharoun hatte sich präzise an die Wettbewerbsausschreibung gehalten. Er entwarf ein extrem lang gestreckten Bau, der ich der Krümmung des Klieversberges anpasste. Die Besucher mit den Pkw’s sollten von der Braunschweiger Straße aus ankommen und parken, den Fußgängern wurde ein anderer Weg zusätzlich angeboten: vom Dach des Foyers über eine neu zu bauende Brücke über die Braunschweiger Straße.
Scharoun: „Das Besondere am Stadtbild Wolfsburgs ist die gleich starke Bedeutung der Natur und der Bauwerke. Von großzügiger Gestaltung sind sowohl die Bauwerke wie das Volkswagenwerk, Stadthalle, Rathaus und vor allem das Kulturzentrum aus auch die bewaldeten Höhenzüge. Diese Harmonie zwischen Natur, Bauwerk und Verkehr sollte auch weiterhin gepflegt und entwickelt werden.“ Nach seinen Vorstellungen sollte noch ein künstlicher See dem Komplex in der unteren Ebene der Verkehrswege vorgelagert werden. Der bewaldete Hügel als prägnante Landmarke und südlicher Stadtabschuß solle erhalten bleiben. Auch Alvar Aalto hatte sich inspirieren lassen und die baukörperliche Großform des Theaters in formaler Bewegung zum Berg entwickelt.

Fassade Theater Scharoun in Wolfsburg

Das stark gegliederte Theatergebäude Scharouns liegt aber nicht genau in der Achse der Porschestraße, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern ist unspektakulär in die Landschaft des Klieversberghanges komponiert.
Scharoun wollte die Außenräume sehr eng mit den Baukörpern verknüpfen. Deshalb sah er noch zusätzliche Einrichtungen im Wettbewerbsentwurf vor: eine Freilichtbühne, den so genannten Felsengarten und das Café. Scharoun bekam den ersten Preis.
Die Lage des Theaterneubaus mit der städtebaulichen Organisation und die logische Raumfolge innerhalb des Grundrisses waren durch ihn am besten gelöst. Im Rahmen des Theaterwettbewerbs schlug Scharoun auch ein neues Hauptverkehrsnetz und die Verlängerung sowie Betonung der Achse der Porschestraße vor.
Schon aus der Beurteilung des Preisgerichts kann man ersehen, daß die bereits eingeleitete Verkehrsplanung, unterstützt durch die VW-Führung, Vorrang hatte.
Ich zitiere aus dem Protokoll des Preisgerichtes: „Die vorgeschlagene Gesamtkonzeption für den Verkehr ist erwägenswert. Die Jury ist jedoch der Meinung, daß man ohne einen citynahen Ring in etwa der vorgegebenen Trasse nicht auskommen wird.“
Scharouns Lösung wird von der städtebaulichen Disposition losgelöst.
Bereits 1963 hatten Verkehrsplaner eine neue Verkehrsführung vorgelegt: In dem in Rede stehenden Bereich waren breitere Trassen der beiden Straßen (Heinrich-Heine-Straße und Siemensstraße) vorgesehen, sogar Abbieger mit Unterführung, so dass ein schnellstraßenartiger Verkehrsfluß am Kreuzungspunkt Porschestraße – mitten im Zentrum der Stadt – entstehen konnte. Die realisierte Gesamtanlage Scharouns wird von den überdimensionierten Straßen zerschnitten und ihrer städtebaulichen Bedeutung beraubt, denn sein Entwurf verband räumlich die Porschestraße und den Klieversberg mit dem landschaftlich eingefügten Theaterbau.

Scharoun änderte den Standort des Hauptbaus nicht. Die letzte Überarbeitung zerstört jedoch das erdachte landschaftsplanerische Konzept am Fuße des Berges. Das in den Berg hineinragende Freilichttheater musste weggelassen werden, auch der Spiegelteich und die Fußgängerbrücke sowie das Café entfielen. Es gab auch wesentliche Veränderungen im Inneren des Theaters, die ich hier nur andeuten kann.
Städtebaulich interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Zuschauerraum und Bühne grundlegend verändert wurden, nicht jedoch die äußere Großform des Gebäudes. Scharoun konnte  so die formale, überaus gelungene Anpassung an die Höhenzüge beibehalten, also die baukörperliche Überhöhung der vorhandenen topographischen Situation als städtebauliche Entwurfsidee umsetzen.

Steinfassade Theater Scharoun in Wolfsburg

Am 5. Oktober 1973 wurde das Theater dann auch als „städtebaulicher Abschluß der verlängerten Porschestraße“ eingeweiht.
 
Publikation

Berichte zur Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland

Seminartagung in Wolfsburg vom 16. – 18. September 1998
Vortrag von Cornelia Thömmes





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