Projekt

„Das schwarze Haus“ - Mühlenstraße 2 in Werder an der Havel - Inselstadt

Wohn- und Geschäftshaus
und Mühlenstraße 2a, 2b

Umbau, z. T. Umnutzung und Modernisierung 2000 bis 2002

Zur Sanierungsgeschichte:
Die einzelnen Gebäude verteilen sich auf einem extrem schmalem Grundstück entlang einer Gasse, die von der Mühlenstraße zur Föhse führt. Das zweigeschossige Wohnhaus steht traufständig an der Mühlenstraße. Den langgestreckten Wirtschaftshof erreichte man durch ein eisernes Schiebetor, welches sich im Fachwerkgebäude (im Lageplan Torhaus genannt) befindet.
Seit dem 19. Jh. befanden sich im Vorderhaus die Wohnung (im Obergeschoß und zum Teil im Dach), im Erdgeschoß der Verkaufsladen der Fleischerei. Im Seitenflügel wurden die Tiere geschlachtet, zerlegt und verarbeitet und im Uferhaus – der so genannte Eiskeller – lagerten die Waren auf Eis. Von der Föhse wurden diese Eisblöcke in dieses Lagerhaus transportiert.
Der Stuck (an der Wohnhausfassade) wurde in den 50er Jahren des 20. Jh. entfernt und aus dem Laden wurde eine Wohnung, denn die Fleischerei Dietloff hatte ihre Fleischerei aufgegeben.
Die Gebäude standen jahrelang leer, Wasser drang z. T. ungehindert in das Gebäudeinnere ein, tragende Teile stürzten ein. Das Notdach des Uferhauses schützte kaum vor Nässe. Die Giebelwand zum Nachbargrundstück war auch zusammengefallen. Spätestens als die ersten Entrümpelungsarbeiten (im Sommer 2001) durchgeführt wurden, wurde klar, dass die ursprüngliche vorgesehene Planung nicht bei dem geringen Kostenbudget (welches sich nicht zuletzt nach den zu erzielenden Mieteinnahmen richtet) umzusetzen war.
Die ursprüngliche Baugenehmigung sah noch eine weitgehende Entkernung vor (Abbruch des Torhauses aus Fachwerk, Abbruch der Decken und Wände im Vorderhaus, Einbau von Stahlbetondecken im Wohnhaus u. a. m.). Das Grundstück war mit dieser Genehmigungsplanung, die bereits einige Jahre alt war und ablief, verkauft worden.
Es wurde nun abschnittsweise saniert. So konnte lange eine flexible Grundrissgestaltung ermöglicht werden (die Ausrichtung des Seitenflügels nach Norden schränkte sinnvolle Grundrisslösungen stark ein). Die vorgefundene Hausstruktur wurde „zum Maß aller Dinge“. Dies war auch geboten, um die aufgrund des hohen Schädigungsgrades die Baukosten zu begrenzen.
Die Bausubstanz der Gebäudegruppe konnte komplett erhalten werden. „Änderungsspuren“ an und in den Gebäuden sind gut ablesbar. Der Planungs- und auch Bauablauf war unkonventionell: Zuerst wurden „Schemawohnungsgrundrisse“ definiert, die kaum Eingriffe in die Geometrie des Hausensembles erforderlich machten und diverse Erschließungsmöglichkeiten – also auch verschiedene Nutzungen - in diesen Gebäudeteilen zuließen.
Da die oberen Geschosse des Uferhauses wegen Einsturzgefahr nicht zugänglich waren, konnten über mehrere Monate nur fiktiv mögliche (immer noch variable) Grundrisse gezeichnet werden. Es war unklar, wo die Fußböden lagen, ob Durchgangshöhen reichten u.s.w. Jedoch musste es gelingen, den Seitenflügel sowohl mit dem Vorderhaus als auch dem Uferhaus zu verknüpfen, um die Besonnung der Wohnungen zu gewährleisten. Das war die eigentliche Entwurfsidee. Das mehrmals verfeinerte (aktualisierte) Konzept diente auch zur Erlangung der noch ausstehenden Fördervereinbarung, der sog. Hüllenförderung. Das Grundstück liegt im Sanierungsgebiet der Stadt Werder. Es war eine Bezuschussung der Hülle von der Stadt Werder in Aussicht gestellt worden. Auch der sogenannte vorgezogene Maßnahmebeginn konnte Ende Oktober 2001 endlich erlangt werden.
Der Beginn im September 2001
Da während der Abstützungsarbeiten am Fachwerk (Torhaus) Balken zerbrachen, musste mit der zimmermannsmäßigen Instandsetzung dieses Fachwerks (Auswechselungen) begonnen werden. Es wurde ein halbes Jahr ohne Unterbrechung mit den maßgeblichen Gewerken (Zimmerarbeiten, Sanitär, Elektro) parallel gearbeitet und über ein Jahr fortgeschrieben: Ergänzende Bestandsaufnahmen (immer wenn Gebäudeteile begehbar wurden, konnte aufgemessen werden), u. a. Aufmaße (je nach Baufortschritt und Freilegung), begleitende Fotodokumentation, Sicherung originaler Bauteile wie Fensterbeschläge, Mauersteine, Pflasterung, Findlinge − parallel zum Baugeschehen − skizzenhafte planerische Vorstellungen hinsichtlich der zukünftigen Wohnnutzungen, Kostenfortschreibungen.
Um eine große Flexibilität, die auch in der verschiedenen Zuordnung bzw. möglichen Erschließung und „Verklammerung" der einzelnen Räume in den einzelnen Gebäudeteilen zu sehen ist, zu erreichen, wurden beispielsweise sämtliche vorhandenen Öffnungen belassen. Vorhandene Fensteröffnungen (im SFL) und hofseitig (Vorderhaus) wurden zu Fenstertüren „verlängert“. Probeweise wurde ein "second Hand"-Eichenfenster (die ursprünglich in einem Schloss eingebaut waren und ausgewechselt wurden), eingebaut. Da es gut paßte, wurden insgesamt zehn Fenster ersetzt und damit gleichzeitig mehr Licht in die Räume „geholt“ .
Haustechnik
Der konsequente „Bestandsschutz“ hatte auch Konsequenzen hinsichtlich der haustechnischen Ausstattung. Die Gebäudegruppe wurde ohne separate technische Räume hergerichtet. Obwohl das Grundstück beim Kauf an sämtliche „Medien“ angeschlossen war, musste aufgrund der Länge des Grundstücks und der Höhenlage (es fällt zum Ufer hin ab) ein zweiter neuer Elektrohausanschluss, ein zweiter Gasanschluss und auch für das Abwasser ein zweiter Anschluss eingerichtet (und bezahlt) werden. Dies führte zu erheblichen Mehrkosten.
Es wurden in zwei Wohnungen und in den Gewerberäumen Elektro-Nachtspeicher-Fußbodenheizungen eingebaut, da es keine Einigung gab, wie der Schornstein mit Absturzsicherungen zu bauen sei.
Recycling
Alles, was an Originalsubstanz noch irgendwie genutzt werden konnte, wurde erhalten bzw. aufbewahrt und an anderer Stelle wieder eingebaut. Nicht nur der Art, Größe und dem Zustand des Bauwerks selbst wurde Aufmerksamkeit geschenkt, sondern auch dem Detail und somit dem „empfundenen Charakter“ Rechnung getragen. Die Gebäudeteile wurden bewusst unterschiedlich „perfekt“ ausgestattet, d. h., es blieb eine Art Patchwork-Ensemble:
Das Vorderhaus – immer schon Wohnhaus – wurde hochwertig behandelt, d. h. Glattputz, starke Farbigkeit (anthrazit) der Fassade, Tonziegeldach mit verblechter Gaube u. a. m. Die ursprünglich vorhandene gewerbliche Nutzung des Erdgeschosses des Seitenflügels wurde nicht mit fabrikneuen Materialien verändert, sondern nur in Ordnung gebracht; d. h. wiederum Industriedrahtglas für das lange Vordach, Eisenfenster repariert (innen z. T. ein Holzflügel ergänzend angebaut), Erhalt der historischen Holzaußentüren (es wurde mit Doppeltüren gearbeitet, um die erforderliche Qualität, was Dämmung und Schallschutz betraf, zu erreichen).
Das Uferhaus war immer ein Lagerhaus. Die historische Fassadenstruktur sollte bleiben. Da ein Teil neu aufgemauert worden war, erreichte man einen harmonischen materialsichtigen Charakter, indem ausgewählte Steine zweiter Wahl vermauert wurden. Mit einer Sumpfkalkschlämme und Schwamm wurde die gesamte Mauerwerkfassade eingerieben und schließlich mit einer pigmentierten Silikatlasur behandelt.
Es wurden immer wieder Entdeckungen gemacht: zum Beispiel die unterschiedlichen Fußbodenhöhen im Uferhaus: ursprünglich lag er ca. einen Meter unter dem heutigen Geländeniveau. Die wiedergefundenen Fliesen wurden gesäubert, der Grundriss wieder geändert.
Die neue Farbigkeit des Ensembles – ein Streitfall
Putzfarbene Töne im Gesamtkomplex, Erhalt der dunkelroten Verklinkerung des Seitenflügels im Erdgeschoss, und das gewählte Anthrazit für das Wohngebäude (Vorderhaus) der ehemaligen Fleischerei waren von Anfang an geplant.
Diese Farb- und Materialkomposition wurde gewählt, da sie auf die unterschiedlichen Nutzungen und somit der Geschichte der Gebäude eingeht: Das Wohnhaus an der Mühlenstraße sollte im Farbklang zur (schwarzen) Mühle stehen, die sich am Ende der Straße auf dem sog. Mühlenberg befindet und den Straßenraum beherrscht. Das geschlossene rote Ziegeldach mit dem steinsichtigem Traufgesims mit den weißen Holzfenstern im Obergeschoss machen das Haus lebendig. Das schwarze Haus (wie es nun genannt wird) ist autark in seiner Ausstrahlung. Die anderen Gebäudeteile sind nicht auf einen Blick zu erfassen. Nachdem pünktlich zum Baumblütenfest im Mai 2001 die Gerüste abgebaut wurden, gab es begeisterte Äußerungen von Besuchern (vor allem junge Leute lobten die Farbe und das Haus), auch vielen Kollegen gefiel die gewählte Farbigkeit, aber es kam auch zu Ablehnungsbekundungen. Es wurde sogar von einigen Bürgern auf der Insel von „Verschandelung“ gesprochen und ein Umstreichen gefordert.
Die Freiflächen
Die Wohnungen – besser gesagt – die Wohneinheiten (Reihenhausstruktur) erhielten nun neue, und zwar separate Eingänge mit Vorgärten bzw. halböffentlichen Freiräumen. Dies wurde durch das Einfügen von zwei Öffnungen in die vorhandene Mauer erreicht.
Schmiedeeiserne Zaunfelder (die entsorgt werden sollten) dienen der schottenartigen Gliederung des Hofes. Aus den Abortgruben wurde ein Teich (mit Regenwasser gefüllt), entlang der Mauer werden Aprikosenbäumchen als Spalierobst gezogen, so wie es seit Jahrhunderten auf der Insel in Werder Tradition ist.

 



Wohnung B im Jahr 2002


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