Denkmal statt Riesenrad

Heruntergewirtschafteter Industriekomplex in Werder wurde neuer Nutzung zugeführt

Werder (Havel) - Eigentlich sollte hier auf dem Gelände zwischen Eisenbahnstraße und Föhse ein Vergnügungszentrum mit Riesenrad inmitten der Werderaner Neustadt entstehen. Die Nachbarn sehen das Scheitern des Planes als ein Glück für die Stadt an: Roland Haeßler und Svenja Meinecke kauften mit ihrer Malerfirma Protze 2005 die völlig heruntergewirtschaftete Immobilie. Jetzt sind die Gebäude des Industriekomplexes - einem ehemaligen Betriebsteil des Schaltgerätewerkes - saniert und zum Zeugen der Werderaner Industriegeschichte geworden.
Für die fachmännische Ausführung stand Architektin Cornelia Thömmes zur Seite. Zunächst musste die erhaltenswerte Substanz gesichert werden. "Das war am Anfang die größte Herausforderung", berichtet die Architektin. Vieles konnte im Original erhalten bleiben, so die meisten flachbogigen Eisensprossenfenster an fast allen Gebäuden, obwohl aufsichtsführende staatliche Institutionen wollten, dass ein Großteil der vorhandenen Fenster zugemauert werden sollten - aus wärmetechnischen Gründen. Die lösten die Bauherren dann anders.
Die Montagehalle, die 1910 anstelle des alten Wohnhauses direkt an der Eisenbahnstraße gebaut wurde, ziert wieder wie einst die dem Original nachempfundene Fassade mit der Aufschrift "Coliri Bellissimi". Nach dem Abriss des Wachhauses kam die eigentliche Pförtnernische zum Vorschein. Dort sprudelt heute Wasser aus einem Löwenkopf.
Im Inneren der Halle ist die stählerne Dachkonstruktion mit der Kranbahn erhalten und zeigt, dass es sich hier um ein ehemaliges Produktionsgebäude handelt. Die Malerfirma Protze richtete darin ihren Schauraum ein. Darüber hinaus werden Geschirr und vielerlei Dinge des täglichen Lebens sowie Einrichtungsgegenstände zum Kauf angeboten. Während eines Rundgangs erinnerten sich ehemaligen Mitarbeiter des Schaltgerätewerkes unlängst an einige Besonderheiten. So existierte einmal eine Prüfstelle für Bremsanlagen der Berliner S-Bahn, was natürlich Heiterkeit auslöste.
Eine Familie nutzt die ausgebauten Räume des früheren Heizhauses privat - eine langgestreckte Wohnung. "Wir haben abschnittsweise saniert, um- und ausgebaut, um so die neuen Gebäude vermieten zu können", erklärte Svenja Meinecke. Den Großteil der Immobilie nutzt die Firma Protze. Die ehemalige Kantine mit Speisesaal präsentiert sich als Galerie. Hier üben verschiedene Tanz- und Sportgruppen. In verschiedenen einstigen Werkstatträumen befinden sich Ateliers. Und das blaue Verwaltungshaus ziert die Aussage vom Alten Fritz "Der Mensch ist geschaffen, um tätig zu sein", es dient als Wohnhaus.
Das Landesamt für Denkmalpflege stellte das Industrieensemble mit der Fabrikanten-Villa unter Denkmalschutz. 1875 hatte hier auf ehemaligem Obstgärtnergrundstücken Julius Lüdicke die erste metallverarbeitende Fabrik in Werder gegründet, Maschinen vorrangig für die Ziegelindustrie wurden hergestellt. Als der Boom der Ziegelindustrie zu Ende ging, kaufte um 1900 Fritz Dänicke das Werk und erweiterte es um eine Gießerei. Rund 100 Arbeiter fertigten neben anderen Produkten Glüh- und Härteöfen für Siemens. 1940 kaufte Reinhold Schuster aus Babelsberg den Werkkomplex, Elektromotoren wurden nun hergestellt.
1949 wurde es unter der Leitung von Fabian Kiefers der volkseigene Betrieb Elektromotoren-Werk Werder, schließlich erfolgte 1952 die Umstellung der Produktion auf so genannte Expansionskraftschalter. Nun hieß das Werk VEB Schaltgerätewerk.


 
Presse

Wolfgang Post
Potsdamer Neueste Nachrichten
21. 09. 2009
Potsdam-Mittelmark
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