Ein Kuss reichte nicht

Wasser, Strom und Abwasser – Fehlanzeige. Wer in dem verlodderten Areal in der Havelstadt Werder seinen künftigen Firmensitz sah, schien mehr Dummkopf als Visionär.
von Gudrun Janicke

Roland Haeßler wundert sich noch immer über seinen Mut. Fotos zeigen ein heruntergekommenes Gelände. Abbruchreife Werkstätten, Schutt, wucherndes Unkraut. Nur ein hemmungsloser Optimist mochte eine verwunschene Prinzessin in dem ehemaligen Betriebsgelände mitten in der Havelstadt Werder sehen.
Ein Kuss zum Aufwecken wie im Märchen hätte nicht gereicht. Heute können Haeßler und seine Geschäftspartnerin Svenja Meinecke den Lohn genießen: Inzwischen ist das Areal als Denkmal geadelt worden. Zehn Mieter – Firmen und Privatleute – haben hier ihr Zuhause gefunden – leben in einer Stadt mitten in der Stadt, direkt an der Havel.
Malermeister Haeßler und Meinecke hatten eine eingesessene Firma übernommen. "Wir brauchten mehr Platz. Und wollten uns nicht verschulden", erläutert er. Ein 3400 Quadratmeter großes Grundstück wurde 2004 gekauft. Mit den heutigen Erfahrungen fragt er sich: "Ich weiß nicht, ob ich naiv war." Selbst seine Architektin Cornelia Thömmes hatte die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. "Doch das Potenzial war zu erkennen", sagt sie.
Obwohl die Mängelliste lang war: Dächer kaputt, stark ramponierte Holzfenster, Fernwärmeröhren mit asbesthaltigem Dämmmaterial oder ungesicherte Grenzmauern, die einzustürzen drohten. Thömmes entdeckte trotzdem den besonderen Charakter: Alte Steine, eine verwinkelte Ecke, eine alte Gerätschaft, Schornsteine, urige Schmiedeeisen.
Und es sollte soviel wie möglich Altes erhalten bleiben oder aufgearbeitet werden. Es stehen immer die Alternativen Alt- oder Neubau, sagt Christian Keller, Vizepräsident der Brandenburger Architektenkammer. "Viele wollen etwas Neues im alten Rahmen schaffen", sagt er. 60 Prozent der Bauaufträge betreffen bundesweit Umbau, Modernisierung oder Instandhaltung. Die Bauämter seien meist offen für neue Ideen.
Das Bauherrenpaar aus Werder wollte indes manchmal fast verzweifeln. "Sie haben nicht aufgegeben", betont Architektin Thömmes.
Für das Projekt war natürlich Kapital – über die Summe wird geschwiegen – aber auch viel eigene Muskelkraft gefragt. I-Tüpfelchen ist der private Wohntraum, den sich Haeßler verwirklichte. Entstanden in einer einst fensterlosen Fabrikhalle, wo bis vor der Wende Bremsen für S-Bahnen repariert wurden.

 
Presse

Gudrun Janicke
Braunschweiger Zeitung
Samstag, 02.10. 2010



Projektbeschreibung

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